Mittwoch, 25. April 2012

Die Epoche des Sturm und Drang - Prometheus (Goethe)




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Prometheus (1773/74)


Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.


Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.


Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.


Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?


Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?


Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?


Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?


Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht nicht zu achten,
Wie ich!




(Bemerkung: Bei meinen persönlichen Aufzeichnungen handelt es sich um Notizen auf vers. Quellen. Falls es hier zu Copyrightverletzungen gekommen ist, war dies nicht beabsichtig.)
  • Entstehung „Prometheus“ wurde zwischen 1772 und 1774 verfasst (wie auch die anderen Hymnen Mahomets Gesang, Ganymed, An Schwager Kronos). Also entstand dieses Werk in der Epoche Goethes als Stürmer und Dränger. F.H. Jacobi druckte die Hymne erstmals in seiner Schrift „Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn“ unautorisiert und anonym ab. Goethe nahm sie erst 1789 in seine neu edierten Schriften auf und ließ sie zusammen mit der Ganymed-Ode erscheinen. 
  • Die Form der Hymne ist die lyrische Ausdrucksform, die dem Sturm und Drang am ehesten gerecht wird, denn in ihr treten mythische Figuren auf, die als Repräsentanten der Künstler des Sturm und Drangs betrachtet werden können und die somit das Dilemma von Kunst und Leben verkörpern. Ein Hauptanliegen des Sturm und Drangs ist das Überwinden von überkommenen Autoritäten, und damit kann „Prometheus“ als programmatisch für diese Epoche gesehen werden.
Inhalt
  • 1. Strophe Zeus wird aufgefordert Trennlinie zwischen Himmel und Erde zu ziehen, bei einer Hymne handelt es sich normalerweise um einen Lobgesang; dieses Prinzip wird aber hier ins Gegenteil verkehrt, denn Prometheus preist die Götter keineswegs, sondern erhebt eine Klage gegen sie, die von Vorwürfen, aber auch Spott geprägt ist. Gleich vom ersten Vers an redet Prometheus Zeus mit einem freundschaftlichen, aber in Bezug auf Götter höchst verachtungsvoll, ja rebellisch klingenden „Du“ an.
  • ab der 2. Strophe wirft er nicht nur Zeus, sondern allen Göttern, vor, sich „kümmerlich“ (Vers 15) von den Opfern der Gutgläubigen zu ernähren und bekennt ebenso beleidigend: „Ich kenne nichts Ärmer’s/ Unter der Sonn’ als euch Götter“ (Verse 13–14). Auch er habe sich, verirrt und gutgläubig, in der Hoffnung auf ein offenes Ohr und Hilfe, an die Götter gewandt – jedoch nicht die Götter hätten ihm geholfen, sondern sein eigenes „heilig glühend Herz“ (Vers 34). Damit stellt sich Prometheus nicht nur mindestens ebenbürtig neben die Götter (er ist gleichsam selbst ein Gott und verhalf Zeus zu seiner Macht), sondern Goethe nimmt auch Bezug auf den Genie-Begriff der „Sturm-und-Drang“-Epoche, die unter einem Genie einen Menschen verstand, der völlig im Einklang mit sich selbst, der Überwelt und der Natur steht und fast göttliche Fähigkeiten besitzt. (Vgl. z. B. Kants Definition in der Kritik der Urteilskraft.)
  • 3. Strophe Erinnerung an Kindheit, als ihm die Götter nichts halfen
  • Strophen 4 und 5 lässt Goethe den Prometheus viele rhetorische Fragen stellen, mit denen er die Vorwürfe nur noch steigert. Prometheus wirft nun den Göttern vor, weder geheilt noch gelindert zu haben, und verweigert ihnen seine Ehrfurcht. Nicht die Götter, sondern die Zeit und das Schicksal hätten ihn „zum Manne geschmiedet“ (Vers 43).
  • Kraft seines Entschlusses, die Götter nicht zu achten, gewinnt er in der letzten Strophe gar die Macht, Menschen nach seinem Bilde zu formen. Diese Selbstüberhöhung (Hybris) wird mit den letzten Worten: „wie ich“ besiegelt und über das ganze Gedicht hinweg mit unterschiedlich langen
    Versen und Strophen unterstützt, die sich zu ‚überstürzen‘ scheinen.

    Fazit:

    Prometheus entthront die Götter. Er sieht in ihnen mitleidslose, schmarotzerische und neidische Gestalten, die auf erbärmliche Weise von Rauchopfern der Menschen abhängig sind. Dieser Inhalt ist typisch für die Epoche des Sturm und Drang, in der der Begriff des Genies eine etwas andere Bedeutung hatte als heute: Der geniale, schöpferische Mensch sprengt – nach damaliger Auffassung – alle Fesseln und Beschränkungen und erstarkt an Schicksalsschlägen, was auch heißt, dass er ihnen nicht ausweicht.
    Der Titan Prometheus steht damit für einen einsamen Schöpfer, dessen Rebellion gegen die ‚göttliche Ordnung‘ ihm die eigene Schöpfungstat erst möglich macht. Damit bezieht sich diese Goethesche Ode autoreferentiell auf ihre eigene Entstehung und spricht auch etwas über die neue Sturm-und-Drang-Poetik aus: losgelöst von konventionellen Religionsvorstellungen sowie auch von der inzwischen ritualisierten Empfindsamkeit (deren Gefühlsbetontheit Goethe hier jedoch übernimmt), ermöglicht die »prometheische« Schöpfungstat dem genialen Menschen einen vollen Ersatz der Religion.

    Form: 

    Das Gedicht ist reimlos in freien Rhythmen geschrieben, die sich bei Goethe insbesondere in seiner Lyrik der Sturm-und-Drang-Zeit finden. Die Form unterstreicht die Aussage des Gedichts. Die vielen Unregelmäßigkeiten in der Form spiegeln die für den Sturm und Drang typische Gefühlsbetontheit und Kühnheit des Helden wider. In der 1. Strophe wird mehrmals der Imperativ und Festestellung benutzt, unterstreichen Besitzverhältnisse, V. 13 ,19 wird Unzulänglichkeit der Götter angesprochen,  sowie eine Heraushebung der Possessivpronomen 'dein' und 'mein'. Strophen 4, 5 und 6 werden als Frage geschrieben. 

    Jeder Vers beginnt mit einem Großbuchstaben. Prometheus hat ganz allein gelernt die Schmerzen des Lebens zu akzeptieren V29-32 , rethorische Fragen sind höhnisch und verächtlich, eigene Leistung wird dagegen V 33f gelobt „vollenden“ deutet auf hohe Meinung von sich selbst,  HERZ = Zentrale des Menschen, Schlüsselwort im Sturm und Drang, Prometheus nicht allmächtig, kennt seine Abhängigkeit von Zeit und Schicksal, will Vollendung = Kennenlernen des Leidens, des glühenden Herz - 

    pantheistische Vorstellung








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